26. Oktober 2019 - 2. Februar 2020

Van Gogh.

Stillleben

„Stillleben sind der Anfang von allem“, erklärte Vincent van Gogh seinen Schülern. Über 170 Stillleben hat der Maler in den wenigen Jahren seines Schaffens von 1881 bis zu seinem Tod 1890 angefertigt. Noch nie zuvor hat eine Ausstellung speziell dieses Thema beleuchtet. Dabei sind die Stillleben Van Goghs außerordentlich aufschlussreich. Anhand dieses Genres lässt sich seine rasante künstlerische Entwicklung nachvollziehen – von den ersten, dunkeltonigen Malexperimenten bis zu den expressiven, voller Leben pulsierenden Gemälden seines Spätwerks. Der folgende Streifzug – unser digitaler Prolog zur Schau Van Gogh. Stillleben im Museum Barberini – führt von den Niederlanden über Paris bis nach Südfrankreich und durchmisst das Œuvre eines der großen Pioniere der Moderne.

Am Anfang

von etwas

Ernst­zunehmenden

Vincent van Gogh war bereits 27 Jahre alt, als er sich 1880 der Kunst zuwandte. Nachdem er ein Jahr mit Zeichenübungen im Selbststudium verbracht hatte, griff er 1881 zu Pinsel und Palette. Er nahm Unterricht bei seinem Cousin Anton Mauve, einem angesehenen Maler der Haager Schule. Stillleben boten ihm einen dankbaren Einstieg in sein neues Metier und wurden fortan zu seinem künstlerischen Experimentierfeld. Zahlreiche Briefe, die Vincent an seinen Bruder Theo van Gogh schrieb, geben Einblicke in sein Leben und die Entwicklung seiner Malerei.

Vincent an Theo van Gogh,
Dezember 1881

„Ich glaube wirklich, dass etwas Gesundes und Wirkliches darin steckt“

In derTradition
der Alten Meister?

Modellieren

mit

Farben

In seinen ersten Stillleben, die Van Gogh bis 1885 malte, nahm er Objekte des ländlichen Alltags in den Blick: Haushaltsgegenstände und der Jahreszeit entsprechend Äpfel, Birnen, Kürbisse oder Kartoffeln. Er beschränkte seine Palette auf wenige gedämpfte Farben, hauptsächlich Brauntöne, die er teilweise mit Rot oder Grün mischte. Ging es Van Gogh zunächst um das räumliche Verhältnis der Dinge zueinander, so beschäftigte ihn bald der Einsatz von Farbkontrasten und -nuancen.

Vincent an Theo van Gogh,
Oktober 1885

„Meine Studien habe ich genau wie Gymnastik gemacht, um im Ton ab- und aufzusteigen“

Orange und Blau,Rot und Grün, Gelb und Violett

Hauptsächlich

Blumen

Mit seinem Umzug nach Paris 1886 ließ Van Gogh die Niederlande und damit auch die erdigen Farbtöne sowie die Themen aus der bäuerlichen Lebenswelt hinter sich. In den zwei Jahren seines Aufenthalts in der französischen Hauptstadt entwickelte er eine hellere, reichere Palette und einen individuellen Stil. Sein künstlerischer Durchbruch bereitete sich in Blumenstillleben vor, von denen er in Paris mehr als 30 schuf. Das Motiv ermöglichte ihm, seine Verbundenheit mit der Natur auch im neuen Umfeld der Großstadt aufrechtzuerhalten.

Vincent van Gogh an Horace Mann Livens,
September 1886

„Was die Arbeit angeht,in letzter Zeit habe ich eifrig Stillleben gemalt, und das hat mir außerordentlich gefallen“

Nelken, Mohnblumen,
Gladiolen

Den Gegenständen

Leidenschaft

verleihen

Neben japanischen Farbholzschnitten gehörten die Werke der Impressionisten und Pointillisten zu Van Goghs wichtigsten künstlerischen Entdeckungen in Paris. Auch wenn er sich keiner dieser Strömungen zugehörig fühlte, bezog er aus den verschiedenen Ansätzen wichtige Anregungen. Zum Ende seiner Pariser Zeit 1888 war seine eigene Handschrift unverkennbar: Er löste sich von der reinen Abbildung der Wirklichkeit und dynamisierte das vermeintlich statische Genre des Stilllebens, als seien den dargestellten Dingen die Emotionen des Malers einverleibt und als führte die Farbe ein Eigenleben.

Vincent an Willemien van Gogh,
Oktober 1887

„Es ist seltsam, dass meine gemalten Studien hier in der Stadt dunkler aussehen als auf dem Land“

Katalysatoren eines neuen Stils

Eine Symphonie

in

Gelb

Nach zwei Jahren in Paris entschied sich Van Gogh im Februar 1888 für einen Rückzug aus der Großstadt. Im südfranzösischen Arles hoffte er, mit dem befreundeten Maler Paul Gauguin eine Künstlergemeinschaft zu gründen. Begeistert vom südlichen Licht und der überbordenden Natur, arbeitete er vor allem an Landschaftsdarstellungen. Sein langjähriges Bestreben, ein Gemälde nur in gelben Farbtönen zu gestalten, verwirklichte er schließlich in seiner wahrscheinlich berühmtesten Werkserie, den Sonnenblumen.

Vincent an Theo van Gogh,
August 1888

„Das kann nicht jeder Hergelaufene, man braucht Energie und die Aufmerksamkeit eines ganzen Menschen“

7 x Sonnenblumen

Wie

ein

Wilder

Ende 1888 kam es zum dramatischen Ende der zweimonatigen Zusammenarbeit mit Paul Gauguin in Arles. Im Verlauf eines heftigen Streits mit ihm hatte sich Van Gogh einen Teil seines linken Ohres abgeschnitten und musste im örtlichen Krankenhaus behandelt werden. Im Januar 1889 kehrte er an die Arbeit zurück. Aufgrund seines labilen Zustands ließ er sich jedoch einige Monate später freiwillig in die Psychiatrie nahe Saint-Rémy einweisen. Innerhalb nur eines Jahres schuf Van Gogh dort rund 140 Gemälde, darunter hauptsächlich Landschaften, jedoch nur wenige Stillleben.

Vincent an Theo van Gogh,
Januar 1889

„Es ist eine Malerei, die ihr Aussehen ein wenig verändert, die reicher wird, wenn man sie länger betrachtet“

Verstecktes Selbstportrait

Im Rausch

des

Frühlings

Nach einjährigem Klinikaufenthalt nahe Saint-Rémy zog Van Gogh im Frühling 1890 nach Auvers bei Paris. Dort müssen die blühenden Kastanien dem für Natureindrücke empfänglichen Van Gogh ein Gefühl von großer Vitalität vermittelt haben. In unermüdlichem Schaffensdrang erreichte seine expressive Malweise ihren Höhepunkt. Bis zu seinem Tod am 29. Juli schuf er innerhalb von nur zwei Monaten knapp 80 Gemälde, darunter zehn Stillleben.

Vincent an Willemien van Gogh,
Juni 1890

„Die ganze schreckliche Krise ist verschwunden wie ein Gewitter und ich arbeite hier mit ruhigem & kontinuier­lichem Eifer“

Experten über Van Gogh

Der Barberini Prolog dient der Einstimmung auf die aktuelle Ausstellung. Als kompakte Webseite gibt der Prolog einen Überblick über die Erzählstränge, Themen und Werke der Schau. Die Barberini App ist der persönlicher Begleiter vor, während und nach dem Museumsbesuch mit Audiotouren, Serviceinformationen, Veranstaltungshinweise, e-Tickets sowie redaktionelle Inhalte wie Künstlerbiographien und Videointerviews mit Experten. Die Barberini App ist kostenlos erhältlich im App Store und bei Google Play.